Emotionale Intelligenz

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6/9/17 8:43 AM

Ich hatte einmal einen Kollegen, den alle mochten. Er blieb stets ruhig, wenn es trubelig wurde, er war äußerst hilfsbereit, immer freundlich, respektierte jeden und kannte die Wünsche und Bedürfnisse all seiner Teammitglieder. Ich attestierte ihm eine hohe emotionale Intelligenz und war sicher, dass ihm eine große Karriere bevorstand. Schließlich gilt emotionale Intelligenz als wichtige Fähigkeit für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn. Aber es kam anders. Der Kollege kündigte während einer schwierigen Arbeitssituation und begann eine neue Aufgabe, in der er aber die Probezeit nicht bestand. Nun ist er ein selbstständiger Berater, der meiner Meinung nach weit unter seinen fachlichen Möglichkeiten bleibt. Als ich das kürzlich las, nahm ich das zum Anlass, mich dem Thema genauer zu widmen. Was ist das eigentlich: emotionale Intelligenz?

Die gängigste Beschreibung liefert David Goleman, der den Begriff in den neunziger Jahren populär machte. Er definiert emotionale Intelligenz als Mischung aus angeborenen Persönlichkeitseigenschaften, Motivation und Fähigkeiten. Man spricht daher vom so genannten Konzept der Mixed EI. Die Beschreibung nach Goleman ist nicht nur die gängigste, sondern auch die in der Wirtschaft relevanteste. In mehreren Studien konnte nachgewiesen werden, dass eine ausgeprägte emotionale Intelligenz Einfluss auf den beruflichen Erfolg hat. Laut einer Studie von Psychomeda beispielsweise verdienen Menschen mit einem höheren EQ im Durschnitt vier Prozent mehr. Dabei ist allerdings zu differenzieren: Je höher die Fähigkeit seine Emotionen zu kontrollieren, desto höher das Gehalt. Beim Einfühlungsvermögen jedoch kehrt sich der Effekt um. Das hat mich einerseits erstaunt, bestätigt aber das eingangs erwähnte Beispiel.

Vier Kompetenzbereiche

Emotionale Intelligenz ist eben mehr als die Fähigkeit, sich in andere einfühlen zu können. Ein hohes Einfühlungsvermögen entspricht der landläufigen Definition und ehrlich gesagt, auch ich hatte diesen Begriff so verkürzt für mich abgespeichert. Aber emotionale Intelligenz besteht nach Goleman aus vier Kompetenzbereichen:

1. SELF-AWARENESS (Selbstwahrnehmung): Verständnis und Wahrnehmung eigener Gefühle

2. SELF-MANAGEMENT (Selbstmanagement): Kontrolle der eigenen Emotionen und Handlungen

3. SOCIAL-AWARENESS / Empathy (Einfühlungsvermögen): Verständnis und Wahrnehmung von Emotionen und Beziehungen anderer

4. RELATIONSHIP-MANAGEMENT (Beziehungsmanagement): Verständnis und Beeinflussung zwischenmenschlicher Beziehungen

Mir scheint im Nachhinein, dass mein Kollege eben nur in einem der vier Kompetenzerbeiche richtig gut war, nämlich Einfühlungsvermögen. Das zeigt, dass emotionale Intelligenz durchaus variabel ausgeprägt sein kann. Um aber erfolgreich zu sein, sollten die vier Kompetenzbereiche möglichst ausgeglichen vorliegen. Erst dann sind Führungskräfte nämlich besser in der Lage, schwierige Arbeitssituationen zu händeln. David Goleman spezifiziert diese vier Kompetenzbereiche noch einmal und beschreibt 12 Elemente, die erfolgreiche, emotional intelligente Menschen in ausgewogener Ausprägung mitbringen:

(zum Vergrößern in die Grafik klicken)

Neben Empathie, Coaching- und Mentoring-Fähigkeiten und einer hohen Anpassungsfähigkeit – alles Fähigkeiten, die mein Kollege zweifellos mitbrachte - sind für eine erfolgreiche Karriere weitere Faktoren notwendig. Meinem Kollegen beispielsweise mangelte es eindeutig an der inneren Bereitschaft, unpopuläre, unliebsame Entscheidungen zu treffen („Achievement Orientation“) und auch an der Fähigkeit, negatives Feedback zu geben („Conflict Management“).

Auch „Inspirational Leadership“, also die Fähigkeit, andere mitzureißen, war bei ihm eher nicht zu beobachten. Das ist aber notwendig, um Teams durch Veränderungen zu führen. Führungskräfte, die diese Fähigkeit mitbringen, können ihre Vision klar artikulieren. Sie erreichen sowohl sich selbst, also auch andere auf der Ebene von Motiven und Emotionen. Mehrere Studien belegen eine enge Korrelation zwischen emotionaler Intelligenz, erfolgreichem Veränderungsmanagement und visionärer Führung.

Emotionale Intelligenz kann man lernen

Bleibt die Frage, wie man seine eigene emotionale Intelligenz einschätzen und verbessern kann. Zur Einschätzung gibt es mehrere Tests, die Sie durchführen können. Noch besser ist es allerdings, wenn Sie diejenigen befragen, mit denen Sie arbeiten. Zum Beispiel durch ein so genanntes 360-Grad-Feedback, das bei Ihren Mitarbeitern, Kollegen und Vorgesetzten deren Einschätzung Ihrer Fähigkeiten einholt. Um darauf aufbauend an Ihrer emotionalen Intelligenz tatsächlich zu arbeiten, gibt es folgende Tipps. Denken Sie daran, dass man emotionale Intelligenz wie einen Muskel durchaus trainieren kann.

1. Stärken Sie Ihre Selbstwahrnehmung

Wer seine eigenen Emotionen nicht gut wahrnimmt, etwa weil er sie schnellstmöglich verdrängt, wird sie nur schwer kontrollieren können. Zudem fällt es dann schwerer, sie bei anderen wahrzunehmen. Achten Sie also bewusst darauf, wie es Ihnen in bestimmten Situationen geht und reflektieren Sie Ihre Ergebnisse. Dokumentieren Sie sie gegebenenfalls.

2. Holen Sie sich regelmäßig Feedback ein

Es muss nicht immer gleich ein relativ aufwändiges 360-Grad-Feedback sein. Ihre Mitarbeiter von Zeit zu Zeit zu befragen, wie diese Sie in bestimmten Situationen wahrgenommen haben, hilft schon. Viele Manager müssen das üben, da sie Angst vor unliebsamen Antworten haben oder zu wissen glauben, dass sie die Antworten ohnehin kennen. Sollte das bei Ihnen der Fall sein, ist das schon ein Anzeichen, dass Sie hier aktiv werden sollten.

3. Tauschen Sie sich mit Freunden aus

Der regelmäßige Austausch mit Freunden, die Sie für emotional intelligent halten, wird Ihnen helfen, die Perspektive zu wechseln. Erzählen Sie ausführlich von schwierigen Arbeitssituationen und seien Sie dabei selbstkritisch. Legen Sie besonderen Fokus auf das, was Ihnen besonders schwerfiel. Durch regelmäßige Anregungen von außen erweitert sich Ihre Perspektive und damit Ihre Handlungsfähigkeit.

4. Akzeptieren Sie eigene Emotionen und Unzulänglichkeiten

Emotionale Intelligenz heißt nicht, dass Sie perfekt sind, immer richtig reagieren und in jeder Beziehung alles können. Es heißt lediglich, dass Sie mit emotionalen Aspekten effektiv umgehen können.  Machen Sie sich bewusst, dass Sie unzulänglich sein dürfen. Dann fällt es Ihnen auch leichter, sich darüber auszutauschen.

5. Vermeiden Sie Jammern

Zu emotionaler Intelligenz gehört auch der bewusste Umgang mit Hürden. Dafür müssen diese aber zunächst als Chance wahrgenommen werden statt als Katastrophe. Auch das kann man lernen. Vor einiger Zeit schrieb ich einmal über den Polarforscher Shackleton, der ein brillanter Krisenmanager war. Einige seiner Grundsätze sind wirklich hilfreich, um das zu lernen.

6. Lernen Sie, „Nein“ zu sagen

Zu emotionaler Intelligenz gehört auch ein gesundes Selbstbewusstsein im wahrsten Sinne des Wortes. Auch bei zu erwartenden Widerständen einmal „Nein“ zu sagen, ist ein Beleg dafür. Wer gelernt hat, dass er nicht ständig allen Wünschen und Erwartungen anderer entsprechen kann, kann meistens auch gut einmal „Nein“ sagen und sich von den Enttäuschungen anderer abgrenzen.

7. Übernehmen Sie Verantwortung

Wenn Sie lernen, auch für unangenehme Situationen Verantwortung zu übernehmen, trainieren Sie Ihren Emotionale-Intelligenz-Muskel höchst effektiv. Wer das kann, hält eine große Bandbreite an Emotionen aus und stellt sich ihnen, ohne darunter zusammenzubrechen.

Ich glaube, mein Kollege hätte viel Potenzial gehabt und ich bedaure es, dass dieser wirklich sehr nette, einfühlsame Kollege nicht den Weg gegangen ist, der möglich gewesen wäre. Umso schöner finde ich aber den Gedanken, dass jeder von uns seine emotionale Intelligenz steigern kann. Meine persönliche Meinung ist, dass das nicht nur gut für die Karriere, sondern auch für die gesamte persönliche Zufriedenheit ist.

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Bildquelle: ImageFlow/ Shutterstock

Topics: KarriereManagement

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